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Da ich mich ja nun nach langer Überlegung entschlossen habe, weniger Prozessoren & Gedoehns in meiner Umgebung zu dulden und gleichzeitig mit der M (Typ 240) eine Entscheidung getroffen habe, bin ich nun dabei, meine alten manuellen Objektive zu reaktivieren. Mal ganz abgesehen von dem haptischen Vergnügen, steht dahinter natürlich auch eine gewisse finanzielle Notwendigkeit.

Ich habe noch aus vergangenen Tage ein paar M42 Objektive von Carl Zeiss (Jena), die ursprünglich an einer Practica MTL51 ihren Dienst taten. Später hab ich die gelegentlich an der 5DMkII benutzt. Doch da ich für die MkII bereits eine ganze Reihe ausgezeichneter Objektive habe, benutzte ich die M422 immer seltener.

Mit der M (Typ 240) kam der Electronic View Finder in die Leicawelt. Und zwar entweder in Form des eingebauten Live Views oder eben mit einem aufgesetzten EVF2 von Epson (welchen es auch baugleich für Olympus gibt). Das heisst, ab dieser Kameraversion gibt es eine adäquate Möglichkeit 3rd-Party-Objektive vernünftig mit der Leica zu fokussieren. Das ging zwar auch vorher (ich hab das mal an der M8.2 probiert), aber ohne Live View war das -wie ich finde- ein ziemliches Geduldsspiel und schlussendlich reichlich frustrierend.

Mit dem Aufkommen der diversen Systemkameras in den letzten paar Jahren, wurden diese Objektive offensichtlich wieder interessant. Das liegt sicher vor allem daran, dass mit der extremen Zunahme der Mountstandards, der Fotograf sich lieber für einen neuen Adapter entscheidet und gleichzeitig seine bestehende Objektivflotte unangetastet lässt, als immer wieder aufs Neue in einen anderen Standard zu investieren.

Zum anderen hat es sich auch herumgesprochen, dass viele (nicht alle) dieser alten Objektive extrem hochwertig sind. Dies hat dann letztlich zu einem Preisanstieg geführt, der sich aller Wahrscheinlichkeit nach sogar noch fortsetzen wird. Ich hab bei der Recherche zu diesem Artikel mal die aktuellen Preise abgefragt und dabei festgestellt, dass die sich im Verhältnis zu 2011 verdoppelt(!) haben.

Carl-Zeiss-Jena Sonnar
  135mm/ 1:4   158.00 USD
Carl-Zeiss-Jena Sonnar
  180mm/ 1:2.8   468.00 USD
Carl-Zeiss-Jena Pancolar    50mm/ 1:1.8   150.00 USD
Carl-Zeiss-Jena Flektogon
  35mm/ 1:2.8   130.00 USD

Aus naheliegenden Gruenden verzichte ich darauf, diese Preise etwaigen Canikon- oder gar Leica-Preisen gegenüber zu stellen. Aber es dürfte klar sein, dass man mit diesem Altglas tatsächlich Profiwerkzeuge zu Resterampenpreisen kaufen kann.

Ein wirklich schöner und sehr praktischer Teilaspekt dieser alten, manuellen Objektive ist, dass die Entfernungs-Einstell-Weglaengen sehr gross sind. Gerade bei den unten gezeigten Zoomobjektiven, die ja eine eingebaute Rutschkupplung mit erheblichem Schlupf haben, ist das manuelle Fokussieren ziemlich anstrengend. Dagegen erlauben die langen Gewindewege alter Objektive in Kombination mit dem Live View, z.B. bei 10x Vergrößerung, eine extrem präzise Fokussierung.

Gerade bei langen Brennweiten auf einem Stativ ist dies enorm nützlich. Und hier kommt Video ins Spiel. Mit der Videofähigkeit der digitalen Kameras benötigt man eben auch genau diese langen Weglängen, will man denn die Schärfe korrekt und reproduzierbar ziehen. Das geht mit den Rutschkupplungsobjektiven nämlich nicht. Ich muesste die Markierungen jedes mal neu setzen, bzw. der Schlupf wuerde mir das Ergebnis vermasseln.

 

Bezueglich Leica muss man den Vorteil der Weglängen wieder etwas relativieren, da ich mit einem angemeldeten Objektiv und dem Schnittbildindikator ebenso präzise und deutlich schneller bin als über Live View. Doch der Indikator steht bei nicht angemeldeten Objektiven oder bei den üblichen DSLR/Systemkameras Ad hoc nun mal nicht zur Verfügung. Das heisst, ist man beim manuellen Fokussieren auf Live View angewiesen, dann sind lange Weglängen eine phantastische Arbeitserleichterung.

Nach soviel Lobhudelei nun doch ein paar Einschränkungen. Die Beschichtungen solch alter Objektive reichen bei weitem nicht an die von heute heran. Sie erzeugen unter Umständen auch einen leichten Farbshift ins Gruenliche, den man aber in CaptureOne Pro (eventuell auch LR ?) sehr leicht automatisiert korrigieren kann. Ebenso sind diese alten Beschichtungen eventuell auch schon leicht angegangen. Gerade bei meinem Sonnar 135mm/ 1:4 ist die Beschichtung in der Innenseite der Frontlinse nicht mehr ganz OK. Irgendwann schlägt das Alter eben doch zu. Und dann gibt es natürlich noch das umfangreiche Thema des Pilzbefalls, welcher vor allem aus fehlerhafter Lagerung resultiert und in Foren gerne und oft diskutiert wird.

Vor dem Kauf sollte man sich die Teile sehr genau anschauen. Da meine Objektive alle aus erster Hand sind, kann ich nichts über den Onlinekauf sagen, doch rein intuitiv würde ich Objektive eher auf einem echten Markt - z.B. einer Fotoboerse- kaufen.

Zweitens sind nicht automatisch alle alten Objektive auch gleichzeitig gute Objektive. Auch damals wurden sehr viele Objektive, insbesondere die aus japanischer Produktion, für einen Massenmarkt mit kleinem Portemonnaie gefertigt. Zur Erinnerung, Die Japaner waren damals die, die alles kopierten, dann billig und in schlechter Qualitaet nachbauten und anschliessend zurück auf den westlichen Markt warfen … Es ist also durchaus sinnvoll, sich in den einschlägigen Foren3 vorab über die einzelnen Objektive informieren.

Fazit: Wer gute günstige Objektive sucht, der sollte sich unbedingt jetzt die alten Objektive anschauen. Noch sind die Preise akzeptabel, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass mit noch mehr Mounts, mehr Video und der aktuellen Analogmode die Preise für eine Weile weiter steigen werden.


1 http://camerapedia.wikia.com/wiki/Praktica_MTL_5

2 http://camerapedia.wikia.com/wiki/42mm_screw_lenses

3 http://www.mflenses.com/carl-zeiss-jena.html